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16. FINA World Masters Championships 2015

05. Aug.
Beginn
10. Aug.
Ende

ab 20 Jahren

2 Teilnehmende

Akcharlak, ul. Kul Gali, 13A, 420000 Kasan, Tatarstan, Russland

Ausrichter: FINA


Birte Hohlstein-Janssen und Silke Hohlstein-Terwesten vom Schwimmverein Willich sind Weltmeisterinnen im Synchronschwimm-Duett der Altersklasse 40 bis 49. Die Schwestern traten bei den Masters-Weltmeisterschaften im russischen Kasan an und zeigten im Solo auch ihre individuellen Klassen: gegen starke Konkurrenz holte Silke Hohlstein-Terwesten hier eine Silbermedaille, Birte Hohlstein-Janssen stand als Drittplatzierte sensationell mit Silke zusammen auf dem Treppchen.

Besonders beeindruckt hat die beiden die Stimmung im Schwimmstadion und die Wertschätzung für die Aktiven in Kasan: Fast jeder Wettkampf fand vor vollen Rängen mit enthusiastischem Publikum statt, dazu schwärmen die Schwestern von der perfekten Organisation der Weltmeisterschaften und der Herzlichkeit aller Menschen, die sie im Athletendorf, den Wettkampfstätten und der Umgebung trafen. Natürlich sind Birte und Silke in Kasan nicht nur auf weltmeisterlichem Niveau geschwommen, sondern hatten auch Zeit, sich mit der Kultur Tatarstans vertraut zu machen.

Die beiden routinierten Synchronschwimmerinnen sind schon seit vielen Jahrzehnten Teil der internationalen Synchronschwimm-Elite. So war Silke unter anderem Mitglied in der Synchronschwimm-Nationalmannschaft und nahm an der Synchronschwimm-Weltmeisterschaft 1982 in Ecuador teil. Nach einem schweren Autounfall im Jahr 1992 musste sie jedoch ihre Leistungssportkarriere aufgeben. Um ihrer Schwester eine Perspektive zu geben, schlug die jüngere Birte vor, sich für die Masters-Weltmeisterschaft 1994 anzumelden. Diese Idee, eher aus der Not heraus entstanden, hätte nicht besser sein können: Schon zum zehnten Mal nahmen Silke und Birte in diesem Jahr an einer Masters-WM teil, siebenmal kamen sie bisher mit Goldmedaillen nach Hause, darunter seit 2010 bereits zum vierten Mal hintereinander im Duett. Bei dieser Vielzahl an internationalen Turnieren bleiben Freundschaften zu Synchronschwimmerinnen aus der ganzen Welt natürlich nicht aus. Auch in Kasan trafen die Hohlstein-Schwestern einige bekannte Gesichter wieder – wenn auch leider bei weitem nicht so viele wie in den Vorjahren. Ein wichtiger Grund dafür war sicherlich, dass erst 2014 eine Masters-WM in Kanada stattfand. Der eigentlich zweijährige Rhythmus kam jedoch durcheinander, weil der Schwimmsportweltverband FINA die Masters-WM zeitlich und örtlich mit den Weltmeisterschaften im Leistungssport verbinden wollte. So blieb vielen potentiellen Teilnehmenden nicht genügend Zeit, das Geld für die weite Reise und die Unterkunft aufzubringen.

Und in den kommenden Jahren? »Wer weiß, wie lange wir und vor allem unsere kaputten Knochen das noch mitmachen?«, gibt Birte zu bedenken. Aber so lange ihre Körper bei der Ausübung dieses anstrengenden und attraktiven Sports nicht aufgeben, wollen sie jeden Wettkampf als Geschenk annehmen – zum Beispiel 2016 bei der Europameisterschaft in Budapest und 2017 bei der nächsten Weltmeisterschaft in London. Damit verbindet Birte aber auch einen dringenden Wunsch: »Trotz aller Hilfe bleibt ein großer finanzieller Teil an uns hängen. Wir freuen uns deshalb sehr über Sponsoren – dafür sind wir zu (fast) allen Schandtaten bereit.«

Die eigene Begeisterung für das Synchronschwimmen geben Silke und Birte auch an die jüngere Generation weiter: als einzige Diplom-Synchronschwimmtrainerinnen Deutschlands sorgen sie dafür, dass die mehr als 40-jährige Tradition des Synchronschwimmens im Schwimmverein Willich erfolgreich fortgeführt wird. Deshalb suchen sie immer Kinder, die Spaß an Bewegung, Musik und Wasser haben.

Von der Vorbereitung und direkt aus Kasan haben die alten und neuen Weltmeisterinnen ein ausführliches Reisetagebuch geschrieben:

Vor einiger Zeit hat die FINA (sehr zum Unmut der Masters-Familie) beschlossen, dass die Masters-WM im Schwimmen, Synchronschwimmen, Wasserspringen und Wasserball ab 2015 direkt im Anschluss an die »normalen« Weltmeisterschaften an selber Stelle stattfinden soll. Das bedeutet, dass in diesem Jahr die Europameisterschaften ausfallen und nach der WM 2014 in Montréal direkt wieder eine Weltmeisterschaft geschwommen werden sollte. Für uns (Silke und Birte) stand schnell fest, dass wir an der WM 2015 nicht teilnehmen wollen: zu teuer, viel Trainingsaufwand und überhaupt: Russland?

Einige gesundheitliche Rückschläge im Herbst 2014 haben uns aber umdenken lassen. Wer weiß, wie lange wir und vor allem unsere kaputten Knochen das noch mitmachen? Sollte man da nicht jeden Wettkampf, den man noch schwimmen kann, als Geschenk annehmen? Und überhaupt, Kazan soll ja extrem schön und interessant sein! So haben wir dann im März ziemlich kurzfristig entschieden, in diesem Jahr doch teilzunehmen und möglichst unseren WM-Titel nicht kampflos herzugeben.

Bis heute haben wir schon im Vorfeld einige skurrile, lustige, ärgerliche und interessante Dinge um diese WM herum erlebt, die wir gerne mit euch teilen wollen. Deshalb werden wir eine Art Tagebuch schreiben um von unseren Erlebnissen zu berichten.

Montag, 20.07.15

Weitere Kuriositäten

Wer glaubt, dass der Zeitplan einer hochoffiziellen FINA-Masters Weltmeisterschaft verlässlich ist, der täuscht…zumindest, wenn dieser Wettkampf in Russland stattfindet. Schon bei der WM in Montreal 2014 konnte man sich in einem riesigen Kazan-Pavillion über die kommende WM informieren, auch über Zeitpläne und Wettkampftage. In den kommenden Monaten war die offizielle Internetseite www.masters.kazan2015.com wichtig für alle Informationen bezüglich Registrierung, Unterkunft und eben Wettkampffolge. Ist ja auch ziemlich wichtig, zu wissen, wann man schwimmt, um entsprechend Flüge zu organisieren und kein Geld zu verpulvern. Jeder Tag ist teuer…

Aber obwohl Silke und ich seit 1994 in diesem Jahr mittlerweile zum 10. (!!!) Mal an Masters-Weltmeisterschaften teilnehmen, ist hier alles anders. Unsere Wettkämpfe sollten vom 05.-09.08.15 gehen, also Rückflug am 10.08.OK, ziemlich stressig, weil wir beide in einer Grundschule arbeiten und so die vorbereitenden Konferenzen verpassen.

Am 30.06.15 war deadline, d.h. Meldeschluss. Normalerweise kommen dann relativ schnell die Meldelisten online, weil man ja auch wissen möchte, welche Konkurrenz man hat. Aber, hey…die WM ist ja in Russland, und warum soll dann dort alles genauso gemacht werden, wie bei den anderen WM`s?! Also keine Startlisten. Dafür aber am 15.07.15 eine kurze Email, dass alle Meldungen gesichtet sind und die Wettkampftage verkürzt wurden auf 05./06.08.. Waaaaas??? Statt 6 nur noch 2 Tage? Das bedeutet, 2 Küren an einem Tag+ einschwimmen, Krönchen machen, usw…Da hätten wir 3 Übernachtungen und entsprechende Essenskosten sparen können, wenn wir das früher gewusst hätten. So konnten wir (leider? Oder Gott sei Dank?) nicht mehr umbuchen, ohne dass wir viel Geld verloren hätten. Aber es wäre nicht das tolle OK in Russland, wenn das schon alles gewesen wäre. Denn heute kam wieder eine kurze Mail, dass die Wettkampftage nun wieder verlängert werden vom 05.-07.08., also 3 Tage WM. Ich glaube nicht, dass das schon die finale Info war, also bleibt es spannend, wann (oder vielleicht ob überhaupt??) denn nun unsere Synchro-Wettkämpfe sind…

Mittwoch, 22.07.15

Hurraaa…die nächste Hürde geschafft

Yesss, gestern kamen endlich die heißersehnten Visa incl. Reisepässe an. Diese zu bekommen ist tatsächlich in Zeiten, wo man doch eigentlich alles online bewegen kann, sehr schwierig und vor allem sehr teuer. Obwohl der russische Ausrichter im Vorfeld vollmundig „vereinfachte“ Visa- und Einreisemodalitäten für die Teilnehmer der WM versprochen hatte, hat uns die ganze Visageschichte über 4 Wochen Zeit und weit über 100,- Euro gekostet. Man muss tatsächlich persönlich nach Bonn fahren, um dort das Visum zu beantragen. Zwar haben wir eine offizielle Einladung vom kasachischen Orga-Komitee gehabt, aber das berechtigte uns nur zur Beantragung eines humanitären Visums. OK, muss man auch wissen. Aber das Gute daran ist, dass wir bei dieser Visumart weder einen aktuellen Einkommensbescheid noch einen Grundbucheintrag einer Immobilie vorzeigen mussten. Das muss der Normal-Tourist, um zu beweisen, dass er auch einen Grund hat, NICHT in Russland zu bleiben.

Hauptsache, wir haben das Visum nun endlich und können somit nun auch wirklich die letzten Vorbereitungen treffen.

Freitag 24.07.15

Das nächste Rätsel ist gelöst…

…und das mit einem echten Paukenschlag. Die Startlisten sind endlich online. Puh..das war echt ein Schock! Waren 2012 bei der WM in Riccione noch über 600 Synchros aus aller Welt am Start und selbst in Montréal (sehr teuer für die Europäer) im vergangenen Jahr immer noch ca. 450 nur beim Synchronschwimmen und über 8000 Teilnehmer insgesamt, sind nun in Kazan gerade mal 35 (!!!) Synchronschwimmerinnen gemeldet. Die Gesamtzahl in allen Disziplinen soll nur bei ca. 1000 liegen. Das ist echt heftig und tut mir v.a. für die vielen Helfer und Freiwillige total leid.

Wir stehen in engem Kontakt zu befreundeten Schwimmerinnen aus USA, Kanada und auch Italien und Holland, die wir alle in Montréal noch getroffen haben und haben nach den Gründen für die Nichtteilnahme gefragt. Einerseits wollen oder können einige nur ein Jahr nach der letzten WM nicht die finanziellen Mittel aufbringen. Der bisher angewendete 2 Jahresrhythmus hatte die Vorteile, auch 2 Jahre lang für die nächste WM zu sparen. Aber die meisten geben eben die extrem schweren Visabeschaffungsprobleme (und die entsprechenden Kosten hierfür!!!) als Grund an, was ich auch nachvollziehen kann. Allerdings zeigt sich hier auch, wie wichtig uns die WM ist, dass wir das trotzdem durchgezogen haben. Und dann haben einige natürlich auch Bedenken wegen der Sicherheit und der politischen Lage in Russland. Das haben wir auch, aber wir gehen trotzdem ganz optimistisch an die Sache heran!

Nun wird der geneigte Kritiker natürlich anmerken, dass es bei diesen Teilnehmerzahlen ja recht einfach sein wird, eine Medaille zu erhaschen. Darüber kann ich nur milde lächeln! Denn die Vorbereitung war dieselbe, wie vor den anderen WM`s (davon konnte man sich während der ganzen Ferien immer abends in der Bütt überzeugen). Egal wie viel Konkurrenz da ist, man muss am Tage X trotzdem seine Leistung bringen. Wir wollen immer mit der bestmöglichen Leistung antreten. Außerdem – und das ist noch wichtiger – beweisen wir seit 1994, wo wir erstmals bei den Masters angetreten sind, dass wir seitdem immer vornean mit schwimmen, egal wie alt wir sind und wie viele Konkurrenten wir haben (im vergangenen Jahr bei unserem 3. WM-Titel in Folge übrigens 17 Duette in unserer AK!). Bei 9 WM-Teilnahmen kamen dadurch nur im Duett 6 WM-Titel, zwei Silbermedaillen und 1x Bronze heraus. DAS soll uns mal einer unserer Kritiker nachmachen. Und nicht zuletzt kann ich nur sagen: wenn es im Mastersbereich in allen Sportarten ja so einfach ist, Medaillen zu bekommen (das wurde mir von einem Fachwart einer anderen Sportart einmal vorgeworfen), warum macht es dann niemand?

Wir freuen uns trotz – oder vielleicht auch wegen – der geringen Teilnehmerzahl auf einen bestimmt familiären und trotzdem spannenden Wettkampf!

Mittwoch, 29.07.15

So langsam kribbelt`s!

Nachdem ich heute im Fernsehen einige Sprungwettkämpfe von der „großen“ WM in Kazan gesehen habe, steigt doch langsam die Nervosität! Kaum zu glauben, dass wir in 3 Tagen (hoffentlich!!!) ebenfalls dort sein werden und sogar die Möglichkeit haben, die Schwimmwettkämpfe live vor Ort mit zu erleben. Die Synchros sind ja schon fertig und das deutsche Mini-Team (nur 1 Solistin) schon wieder zuhause. Wir stehen in Kontakt mit der Bundestrainerin, die uns von der tollen Organisation, der beeindruckenden Stadt an sich und der herzlichen Art der ganzen freiwilligen Helfer vor Ort berichtet hat. Dank Freund Google wissen wir auch schon, dass Kazan die 3. größte Stadt Russlands ist und wohl echt viel zu bieten hat und haben von Uwe (meiner besseren Hälfte) einen eigenen Reiseführer zusammengestellt bekommen. Bald beginnt der Countdown…

Donnerstag, 30.07.15

Die Generalprobe

So, das letzte Training ist Geschichte. Und wie es sich für eine echte Generalprobe gehört, war es entsprechend schlecht (nicht, dass wir abergläubisch wären…). Aber pünktlich zum letzten Training meldete sich in der vergangenen Nacht mein (Birte's) linkes Knie wieder (was eigentlich seit einem Jahr operiert werden müsste…). Deshalb war an hohes Wassertreten oder sehr zackige Beinbewegungen nicht zu denken. Aber ein Indianer kennt keinen Schmerz und deshalb wurden unter fachkundiger Videoaufnahme meiner jüngsten Tochter Luzie alle Küren „auf Überleben“ wenigstens 1x durchgeschwommen.

So geht's uns nach 2 Stunden kochen im Variobad

Jetzt heißt es salben und beten, dass es sich bis spätestens Mittwoch wieder etwas beruhigt. Tja, da macht sich wohl doch das Alter (und fast 40 Jahre in dieser Sportart) bemerkbar. Man ist eben nicht mehr 20…

Unsere tolle Kamerafrau ist auch dabei

Trotz allem: Lachen klappt!!!

Freitag, 31.07.2015

Schöne Bescherung!!!

Heute vor 23 Jahren ging es mir (Silke) nicht so gut: Da hatte ich meinen schweren Unfall, der meine Leistungssportkarriere jäh beendet hat… Die Meisten wissen, dass ich seit dieser Zeit ein „schlimmes“ Bein habe. Dank semiorthopädischem Schuhwerk gehe ich auch auf meinem morschen Knochen mittlerweile ganz gut, nur im Schwimmbad auf diesen Badeschlappen rutsche ich immer ordentlich aus. Auch das ständige Nachfragen, warum ich denn so humpele, nervt ganz gewaltig!!! Als ich mal wieder bei meinem netten Schuhmachermeister Herrn Janske saß, redeten wir auch über Badelatschen und siehe da, er baut tatsächlich auch orthopädisch individuell angepasste Badeschlappen! Mehr aus Spaß sagte ich, er müsse mich dann ja wohl unbedingt mal sponsern…. Und Ihr erratet es: Heute war der große Tag: Ich habe tatsächlich heute pünktlich zur WM meine super sicheren Maßbadeschlappen erhalten!!!!! Das super Tolle daran ist, ich kann nun ohne Humpeln zum Wettkampfbecken und zurück, ohne Angst mal wieder auszurutschen und mich zum Deppen zu machen… Und wie geil wäre das denn, wenn ich völlig normal ohne Humpeln zur Siegerehrung schreiten könnte??? Naja, träumen darf man ja wohl mal, oder? So oder so, ich bin mega stolz und überglücklich über meine neuen Schlappen und danke Herrn Janske von ganzem Herzen!!!

Das sind die Siegerschlappen!

Samstag, 01.08.2015

Hurraaa…wir sind da!

Es ist jetzt 23:25 Uhr Ortszeit und wir sitzen geschafft, aber vollkommen geflasht in unserem Zimmer im Athletendorf. Der Tag begann am Düsseldorfer Flughafen mit der Erkenntnis des Tages: Moskau ist nicht international. Beim Einchecken haben wir uns brav in die Schlange „International „ eingereiht , sollte unsere 1. Etappe doch nach Moskau führen. Als wir endlich dran waren, wurden wir freundlich zu einem anderen Schalter komplementiert, der ausdrücklich nur für Moskau war. Nun gut, es war auch nicht möglich,das Gepäck nach Kazan durchzuchecken, was weltweit kein Problem ist. Aber wir fliegen eben nach Russland…bis wir dann hier im Zimmer angekommen sind,haben wir mindestens 10x an den verschiedensten Stellen unseren Pass zeigen müssen und jeder wollte sich selber von unserem gültigen Visum überzeugen. Hat der Stress sich ja wenigstens gelohnt. Dafür hat uns der herzliche Empfang, die vielen freiwilligen Helfer und nicht zuletzt dieses gigantische Athletendorf restlos für alle Mühen im Vorfeld entschädigt. Das kann man echt nicht beschreiben. Ein riesiger Komplex, normalerweise für 10000 Studenten konzipiert, wurde umfunktioniert für die Leistungsschwimmer und eben uns Masters. Mit Disco, Supermarkt ( wo auch Helfer sind, die einem bei der Sprache helfen), Restaurants, Elektrotrollies, um von A nach B zu kommen, usw. Und wir mittendrin!! Schon beim Check-in kam man sich vor wie ein VIP. Es wurden einem die Koffer abgenommen und eine Hausdame kam extra, um uns den Weg zu zeigen. Natürlich gibt es auch Regeln: man darf tatsächlich keinen Alkohol trinken, nach 22:00 keine laute Musik mehr hören und hat extrem strenge Kontrollen am Haupteingang und in den einzelnen Häusern. Silke musste sogar ihr Butterbrot am Haupteingang wegwerfen, nachdem unser Gepäck wie am Flughafen durchleuchtet wurde und der Security-Mann das entdeckt hat. Dieses Butterbrot ist aber von Willich aus, über Moskau bis nach Kasan gekommen, wo bei keiner Gepäckprüfung gemeckert wurde. Aber beim Eintritt ins Athletendorf…egal. Man fühlt sich schon sehr sicher und das ist ja die Hauptsache. Morgen werden wir dann mal die Wettkampfstätte aufsuchen, denn neben allem Showprogramm und Amusement haben wir ja auch noch Wettkampf. Jetzt freuen wir uns beim Frühstück erst mal auf viele exotische Sportler, nachdem wir auf dem Flug nach Moskau schon die Mutter einer schweizerischen National-Schnellschwimmerin und die Maskenbilderin der ARD (die nächste Woche u.a. dann auch Franzi van Almsick schminken wird) kennengelernt haben und uns gemeinsam die 4 Stunden auf dem Moskauer Flughafen um die Ohren geschlagen haben. Wie gut, dass wir so kontaktfreudig sind.

Sonntag, 02.08.2015 Ortszeit 14:25 Uhr

Wir sind schon wieder etwas schlauer…

Das 1.Training im Wettkampfbecken ist absolviert. Oh Mann, ist das riesig. Und dann der nächste Schock: wir alten Tanten sollen tatsächlich elegant im Kopfsprung von einem Podest springen, das gefühlt mind. 2 Meter hoch ist.

Echt krass. Wir paar Athleten hatten natürlich ohne Ende Training. Gefahren wurden wir zu 3. (mit uns noch Olga aus Russland, die älteste Synchro Teilnehmerin) in einem riesigen hochmodernen Bus, natürlich voll klimatisiert. Nikita, der arme Musikmann konnte dann gar nicht glauben, dass wir freiwillig auf Musikzeit verzichtet haben. Der hat aber auch bis gestern Musik bei der „normalen“ Synchro-WM gemacht, wo sich alle Nationen um jede Sekunde Musikzeit prügeln.

Auffallend ist, welchen Stellenwert diese WM hier in Kasan hat, einer Stadt mit immerhin über 1,1 Mio. Einwohnern. Überall, sogar an öffentlichen Bushaltestellen hängen Bilder und die offiziellen Logos der WM. Im Athletendorf findet man auch überall die Logos, auch z.B. auf dem Serviettenspender, den Getränkeautomaten oder dem „Bitte nicht stören"Schild an den Türen. Wäre bei uns undenkbar. Ebenso, dass das Finale in der Gruppe gestern einen neuen Zuschauerrekord von knapp 11200 Menschen in der Schwimmhalle erzielte.

Auch in unserer Schwimmhalle, wo nur die Synchro-Masters ihre Wettkämpfe haben, wird man von allen ( auch Security, Badpersonal…) total herzlich und wertschätzend behandelt, incl. Applaus nach dem Durchschwimmen. Echt sehr schön!

21:30 Uhr

Das Athletendorf

Nachdem wir beim Aufzugfahren den 1. Anschlag knapp überlebt haben- in Russland gibt es an den Lifttüren keine Lichtschranken,so dass die Tür auch gerne mal zugeht, wenn man noch dazwischen steht- haben wir heute Mittag das Athletendorf näher untersucht. Boah, echt anstrengend. Auf 52 ha Fläche stehen alleine 24 Wohnhochhäuser in deren Mitte eine parkähnliche Flaggenallee ist. Es gibt einen eigenen Supermarkt, mehrere Souveniershops, die erstaunlicherweise sehr preiswert sind, Wechselstuben, ein grosses Loungezelt, wo abends sogar Livemusik ist und ein riesiges Gebäude, wo med. Dienst, die Restaurants (leider nicht für die Masters) und jegliche Art von Hilfestellung zu finden ist. Einsegen fahren ständig Elektrotrollis, die einen problemlos aufpicken. Wenn man Glück hat,sitzen schon ein paar Schwimmer von Barbados oder den Cayman Islands drin, die immer mächtig Stimmung machen. Natürlich wird Sicherheit hier gelebt. In jedem Wohnhaus sitzt vorne ein Aufpasser und man muss durch ein Drehkreuz. Dann kommt ein Frontdesk, hinter dem sich 2 Damen vom housekeeping befinden, daneben noch mal ein Security-Mann. Und überall auf dem Gelände wimmelt es von Polizisten, die aber alle auch sehr freundlich sind. Alle Busse werden immer mit einem Spiegel von unten inspiziert. Wenn man irgendwo hinein oder heraus möchte, muss man seine Akkreditierung und/oder die village-Karte vor einen Scanner halten. Wenn's grün wird, darf man weiter. Dann wird noch jedesmal das Gepäck durchleuchtet. Ein riesiger Aufwand…

Wir treffen hier überall tatsächlich nur freundliche, unheimlich geduldige und sehr hilfsbereite Menschen. Viele von den volunteers erzählen uns in fast perfektem Deutsch, dass sie so traurig sind, weil bisher keine Deutschen im Athletendorf waren. Die dt. Schwimm-Nationalmannschaft residiert im 5 Sterne Hotel. Was die alles verpassen…

Dann gibt es ja noch das Thema Essen: Als Masters konnten wir hier im Dorf ja nur Bed&Breakfast buchen. Lunch und Dinner soll man dann in einer kleinen Kantine einnehmen, wo es aber lange nicht so tolles Essen gibt, wie bei den Leistungssportlern…. Die haben nämlich 5 verschiedene Restaurants zur Auswahl: Europäisches, asiatisches, lokales (tartarisches und russisches) und sogar halal Spezialitätenrestaurant! Naja, mit unserer Mastersakkreditierung kommen wir da leider nicht rein, auch nicht, wenn wir bezahlen wollen. Naja, sagen wir besser noch kommen wir da nicht rein, denn wir wären ja nicht die legendären Hohlstein-Sisters, wenn es uns nicht gelingen würde, mit den Größen des internationalen Schwimmsportes zu dinieren!!! Innerhalb von 5 Minuten hatten wir die Seniormanagerin of accomodation and catering der gesamten WM Leistungssport und Masterssport vor uns stehen. Als die merkte, dass wir Deutsche sind, grüßte sie hoch erfreut auf Deutsch (sie hatte mal in Ulm ein halbes Jahr gearbeitet in einer Fleischerei Wurst gemacht)! Super froh nun endlich mal wieder ihre Deutschkenntnisse heraus zu kramen, nahm sie uns mit auf eine sehr spannende Erkundungstour durch alle Spezialitätenrestaurants und Cateringräume. Am Ende hatten wir den Deal, dass wir ab morgen ebenfalls da speisen können, wo die Schwimmprominenz speist zu einem wahren Freundschaftspreis! Um den Deal perfekt zu machen, haben wir da auch direkt eine schweizerische Wertungsrichterin und die finnische Hauptschiedsrichterin des Synchrowettkampfes mit eingeschleust, man weiß ja nicht, wozu das gut sein kann, gelle?

Montag, 03.08.2015 14:45 Uhr

Wir werden immer professioneller…

Heute beim Training waren auch echte Synchro-Legenden in der Halle. Ich hätte nie gedacht, mal vor den Augen von Olga Brusnikina zu schwimmen, die in den 90er Jahren die Sportart beherrscht hat und Olympia- und WM Titel gescheffelt hat. Wenn nach dem Duett durchschwimmen von ihr dann noch Applaus kommt und sie uns sagt, wie sehr sie diese Leistung bewundert, dann macht das einen schon sehr, sehr stolz!!!

Hier sieht man uns mit DER Olga Brusnikina in der Mitte, ganz links einer Solistin aus der Schweiz und daneben einer argentinischen Wertungsrichterin.

Aber auch sonst werden wir immer professioneller: unser Trainings-Arrangement war schon in Montreal sensationell. Aber hier haben wir noch einen drauf gepackt. Wir, d.h. Die Aktiven aus England, USA, Russland, Frankreich, Schweiz und natürlich Deutschland, haben unsere Musikzeiten zusammen geschmissen und konnten so 90 Minuten lang mit Musik schwimmen. Dazu muss man erklären, dass an den Trainingstagen die Zeit mit Musik minutiös aufgeteilt wird. Uns stand fürs Solo und Duett jeweils 10 Minuten zur Verfügung. Man kann aber in dieser Zeit nicht alle Küren hintereinander durch schwimmen ( schließlich müssen wir ja auch mal Luft holen). Wenn nun alle Zeiten zusammen geschmissen werden, kann jeder nacheinander schwimmen und zwischendurch hat man Zeit zu atmen. Im Leistungsport ist so etwas eher unüblich, und dass gleich 5 Nationen an einem Strang ziehen, geht erst recht nicht. Auch die Musikleute sind jedesmal erstaunt, wie easy das bei uns klappt.

21:00 Uhr

Die Freiheit ruft…

Heute Nachmittag haben wir es erstmals gewagt, ganz alleine den bewachten Bereich zu verlassen und in die weite, ungeschützte Welt hinaus zu ziehen. Ok, wir sind mit der Trambahn vor dem Athletendorf ohne Umsteigen direkt in das grösste Shopping-Center (vergleichbar mit dem CentrO Oberhausen) Kazans gefahren. Aber immerhin alleine ohne Security und obwohl uns der Weg ganz anders beschrieben wurde. Und eigentlich wollten wir erst in die Stadt zum Kreml…aber den finden wir auch noch. Auch vor und in der Bahn haben wir viele hilfsbereite Menschen getroffen, die uns entweder mit Hand und Fuß, auf Englisch und einige sogar auf perfekten Deutsch unsere vielen Fragen beantwortet haben. In der Bahn ist auch eine Kassiererin, die ständig durch den Waggon läuft, um von neu eingestiegenen Passagieren die 20 Rubel (ca. 30 Cent) zu kassieren, egal wo man hin möchte. Besonders bewundernswert ist das, weil der Zug total überfüllt war. Wie sie da den Überblick behalten konnte- bewundernswert. Aber auch in dieser Situation fand man nirgends unfreundliche oder genervte Menschen.Niemand, der drängelt oder meckert, weil es nicht schnell genug geht. Das ist in Deutschland überhaupt nicht denkbar. Vor und im Shopping- Center waren auch wieder überall große Plakate mit den Infos zur WM aufgehangen und viele Geschäfte dort geben den Teilnehmern Prozente, wenn man seine Akkreditierung vorzeigt. Auch auf dem ganzen Weg in der Bahn fanden wir ständig Plakate und Bilder von den verschiedenen Sportarten, am meisten tatsächlich vom Synchronschwimmen. Ich muss nicht extra wiederholen, dass so etwas in Deutschland wohl undenkbar wäre… Nachdem wir dann tatsächlich- und das schon im Dunkeln!!- mit der Trambahn zurück gefunden haben, hatten wir dann unser persönliches Tages Highlight. Nein, sogar 2!!!

Zuerst haben wir im 1. Lounge-Zelt die kostenfreie (!!!) Massage entdeckt. Sowohl 2 total abgefahrene Massagesessel, die echt von Kopf bis unter die Füsse alles durchkneten, rütteln und drücken. Dabei kann man dann entspannt fernsehen-natürlich den Sportkanal. Aber es gibt auch 2 Masseure, die eine klassische Schulter-Nackenmassage anbieten. Da ich (Birte) ja vom Fach bin, teste ich so etwas natürlich sehr gerne. Man erlebt ja bei solchen Gelegenheiten auch gerne die schwarzen Schafe, die auf den Wirbeln rumdrücken und dabei mehr kaputt machen, als dass es wirkt. Aber, was soll ich sagen: wunderbar!!! Der Masseur hat sofort meine Schmerzpunkte gefunden und fachlich sehr gut gearbeitet! Zwischendurch hätte ich ihm zwar gerne seine Daumen abgehackt, aber das liegt eher an meinen extremen Verspannungen in diesem Bereich. Also morgen wieder!!!

Das 2. Highlight befand sich dann 2 Zelte weiter. Ein grosser Mobiltelefon-Sponsor bietet dort an, dass man ein T-Shirt (hinten ist dann sogar das offizielle WM Logo) komplett frei gestalten kann, egal ob mit Foto, man kann etwas malen oder schreiben…wir haben natürlich die Chance ergriffen. Das Ergebnis kann man bestaunen. Und völlig kostenlos. Grandios. Und dann konnte man noch eine-ja, wie nennt man das- 3D Brille? ausprobieren. Auch hier habe ich natürlich im Bild festgehalten, wie Silke ihr Glück sucht. Dieser Tag hat sich wirklich gelohnt.

Dienstag, 04.08.2015

Der Wettkampf rückt näher…

… Und das machen alle Synchroaktiven auch! Beim heutigen Training waren dann alle Teilnehmer mal in der Halle, ein großes Hallo mit den neu dazu gestoßenen. Dann gleich die Überraschung: Unser Konkurrenzduett aus USA ist nur halb angereist!!! Ab heute sind wir also Einzelkämpfer in unserer Altersklasse… Das heißt im Klartext, dass weltweit derzeit KEINER in der Lage ist, gegen uns anzutreten!!! Die Gründe sind da sehr verschieden, wie z.B. diese WM sei zu schnell hinter der im letzten Jahr, keine Zeit für's Training, gesundheitliche Probleme, Visaprobleme….. Wie gut, dass das nicht auf uns zutrifft, hahahaha, was wiederum beweist, wie hartnäckig wir für unser Hiersein gearbeitet haben!!! Auch wir hatten und haben genug Gründe, mal auszusetzen, tun WIR aber nicht! Und bevor dann das Training wieder ganz freundschaftlich und unkompliziert begann – dieses Mal reihten sich auch Japan un Italien noch mit in unsere nette Trainingsgruppe ein!!!- wurden am Beckenrand erst einmal die privaten Neuigkeiten ausgetauscht, wie z. B. was machen die Kinder oder welche neue Prothese wurde eingesetzt… Die ehemalige Weltmeisetrin aus den 70ern, die nun 67 ist, schwimmt tatsächlich mit einer neuen Hüfte rechts und Knieprothese links!! Wer fragt da noch, wie viele Konkurrentinnen die hat? Für mich ist die eh schon die Siegerin dieser WM. By the way: sie riet mir von einer Knieprothese ab, damit kann man nicht gescheit Wassertreten in der Kür und locker sei sie auch schon jetzt nach 4 Jahren…

Das FINA-Masters Komittee (alles hochwichtige Herren…und alle keine Ahnung von Synchronschwimmen!!!)

Und so haben wir heute bei der Technischen Sitzung alles was Rang und Namen bei der FINA (Weltschwimmverband) hat kennen gelernt und ebenso die wichtigen Herren aus Sport und Politik aus Kazan. Diese Offiziellen bedankten sich für unsere Anwesenheit allen Problemen zum Trotz und empfingen uns sehr herzlich und aufrichtig. Ganz schnell war dann der Wettkampfteil durch und wir konnten uns wieder den privaten Gesprächen widmen. So also einem Duett, das für einen russischen Club startet, aber eigentlich aus der Ukraine stammt! Die Mädels stammen aus Donezk und wollten für die Ukraine starten, durften das aber nicht. Die ukrainische Federation hatte da etwas gegen. So erwarben sie also Startrecht für einen russischen Club, weil sie unbedingt hier starten wollten. Natürlich kommt man dann auch schnell auf politische Themen und die Frage, ob man sich eher Russland oder der EU zugehörig fühle. Große Vorsicht, Schulter zucken, Donezk sei die Heimat, man wolle keinen Krieg mehr! Auch das sind die Erlebnisse einer Master WM, das was an Erinnerungen haften bleibt neben der perfekten Organisation und Herzlichkeit…

Und dann mussten wir noch das Abendessenproblem lösen, denn leider ist es uns dann doch nicht gelungen, in die Eliteverpflegung einzudringen auch nicht gegen Bezahlung… sind haalt doch nur Masters und somit Zweite-Klasse-Sportler. Nun haben wir ein Kino im Einkaufzentrum gegenüber des Athletendorfes ausgeschlaut, welches ein ganz passables Essensangebot macht. Das probieren wir dann morgen Abend mit USA und Schweiz aus…

Mittwoch, 05.08.2015 11:30 Uhr

So, der 1. Wettkampfabschnitt Solo technische Kür wurde zackig in knapp einer Stunde durchgezogen. Aber mit welchem Aufwand! Unzählige officials, volunteers und Sicherheitsleute rennen hier rum, nicht zu vergessen die vielen wichtigen FINA- Leute. Und dann der Schock: die Zuschauer. Wir sind ja schon bei Synchro-Wettkämpfen in der offenen Klasse nicht wirklich verwöhnt, was dieses Thema angeht. Bei den Masters verirrt sich dann erst recht kaum jemand freiwillig in die Schwimmhalle. Und hier?? Die ganze Tribüne voll. Die Menschen kommen tatsächlich nur, um UNS alte Tanten zu sehen in einer Sportart, die meistens nur ein abwertendes Lächeln bei vielen hervorruft. Zusätzlich gibt es Einheizer, die für Stimmung sorgen. Irre. Da geht einem plötzlich doch mächtig die Düse. Der Wettkampf selber ging dann extrem schnell vorbei. Irgendwie hatte man das Gefühl, dass die Musik mal wieder schneller läuft, aber das ist natürlich Quatsch. Die Nervosität lässt hält im Alter nicht nach, sie wird jedesmal nur noch schlimmer! Vor dem Beginn gab es noch eine Vorstellung der ofiiziellen WM-Maskottchen.

Die Zuschauer für Solo tech. Wahnsinn!!!

Wenn man dann dran ist, kommt man sich vor, wie ein Olympia-Teilnehmer: Kameras verfolgen einen schon beim Hinlaufen und alles wird auf einer Großleinwand gezeigt. Nach der Kür muss man wieder auf dieses Podest klettern und dann wird die Wertung direkt auch auf der Leinwand angezeigt, mit vollem Namen und Flagge, begleitet von frenetischem Applaus. Toll. Das sind so kleine Dinge, die wir alle aufsaugen und die uns schon sehr stolz machen. Wir zwei haben es – trotz unserer (speziell Silkes) Geschichte – tatsächlich wieder geschafft, weiter zu machen und trotz aller gesundheitlichen, privaten, finanziellen und sonstigen Widrigkeiten hier zu sein!

22:00

So, diesen Wettkampftag haben wir dann doch noch sehr erfolgreich beendet, nachdem er soo chaotisch begonnen hatte: mitten im tiefsten Schlaf wurden wir plötzlich um 4:12 Uhr unsanft aus dem Schlaf gerissen, weil eine Stimme in extremer Lautstärke irgendetwas quatschte. Wir dachten erst, das Radio wäre angesprungen, bis uns klar wurde, dass wir ja gar kein Radio im Zimmer haben. Daraufhin haben wir mal genauer hingehört und sind ziemlich erschrocken:“ Participants, this is an emergency…“ ( Teilnehmer, dies ist ein Notfall). Gut, wenn man Englisch versteht…Nach der 3. Bandansage haben wir dann endlich realisiert, dass das wohl kein Scherz ist und sind im Snoopy-Schlafanzug und die Haare quer vom Kopf auf Schluppen nach unten getappert, nur um von den beiden housekeeping-Damen (die übrigens schon den ganzen Tag Dienst geschoben haben. Wann schlafen die denn bitte mal?) in wortreichen Entschuldigungen zu erfahren, dass es sich wohl um einen Fehlalarm handelte. Die Polizei sei aber im Haus und habe alles inspiziert. Wir mögen doch bitte wieder ins Bett gehen und weiter schlafen. Ah ja…klar, ist ja ganz einfach. Nebenbei haben wir nämlich bemerkt, dass es in Russland um 4:00 morgens schon taghell ist, nicht Dämmerung oder so, sondern voller Sonnenschein. Woher soll man das sonst mitbekommen. Zu dieser Zeit SCHLAFEN wir normalerweise!!! Daran war nun natürlich nicht mehr zu denken und so waren wir froh, um 6:50 endlich aufstehen zu können, weil wir um 7:30 bereits frühstücken mussten.

Aber wieder zur freien Kür. Der Verdienst heute war die Vizeweltmeisterschaft und Silbermedaille für Silke und eine Bronzemedaille für mich. Eigentlich ist Silber nicht gerechtfertigt, denn die Gewinnerin aus Frankreich hatte weit weniger Schwierigkeiten in ihrer Kür als Silke. Aber so ist das mit Bewertungssportarten. Man muss das Ergebnis so akzeptieren. Nur als man uns unsere Deutschlandflagge vor der Siegerehrung wegnehmen wollte, wurden wir dann etwas sauer und haben uns strikt geweigert…und diese Auseinandersetzung schließlich für uns gewonnen!!!

Silkes Enttäuschung dauerte dann aber nur kurz. Denn schon die Siegerehrung mit schicken Hostessen und den Maskottchen, die suuuper schönen Medaillen und die allgemeine Wertschätzung von allen Seiten Tat enorm gut.

Die Ausbeute des Tages: Medaillen in Silber und Bronze

Anschließend folgte eine ausgiebige Fotosession, in deren Verlauf immer mehr Menschen mit uns beiden fotografiert werden wollten. Auch das zeigt uns, dass wir mit unserer offenen Art allgemein gut ankommen. Den Abend haben wir dann in einer internationalen Runde mit Schwimmerinnen aus USA, Schweiz, und Russland bei einem gemütlichen Abendessen ausklingen lassen. Morgen ist dann die 2. Runde mit dem Duett dran.

Donnerstag, 06.08.2015 12:15 Uhr

Und wenn man denkt, es geht nicht mehr…

…dann trifft man bei den Masters mindestens einen, dem es noch beschissener geht! Und dann relativiert sich ganz schnell die eigene Sicht der Dinge.

Zuerst haben wir eine Duett-Schwimmerin aus Belgien getroffen, die 2011 an Brustkrebs erkrankt ist und deren einzige Überlebens – Motivation die Teilnahme an der Masters WM in Riccione 2012 war. Sie hat es geschafft!!!

Ja, und dann lernten wir ihre Mitreisende kennen, die hier als Trainerin fungiert. Sie sitzt im Rollstuhl und erzählte uns aber ziemlich gefasst ihre Geschichte: vor 6 Jahren, während der Geburt ihres 3. Kindes infizierte sie sich von jetzt auf gleich mit Bakterien. Man kämpfte um ihr Leben. Daraufhin lag sie 4 Wochen im Koma. Nach diesen 4 Wochen sah sie erstmals ihr Baby, welches natürlich vollkommen fremd für sie war. Durch die medikamentöse Therapie, während der sie 6 Monate im Krankenhaus bleiben musste, verschlossen sich die peripheren Blutbahnen. Daraufhin mussten ihr beide Unterschenkel und die Finger der rechten Hand amputiert werden…da sagste dann nix mehr zu Deinem Schicksal!!! Und was sollen wir sagen?! Sie trainiert nun selber wieder, um mit ihren Vereinskameradinnen in den nächsten Jahren wieder an Wettkämpfen teilzunehmen, denn vor dieser Sache war sie ebenfalls Master Synchro mit Leib und Seele und hat nun das Ziel, bald wieder aktiv dabei sein zu können. Hut ab! Da wird dann die technische Kür Duett zur absoluten Nebensache.

22:40 Uhr

Ja,ja,jaaaaaaaa bei unserer 10. Masters-WM Teilnahme im 21. Masters-Jahr ist der 7. Weltmeistertitel im Duett ( und seit 2010 der 4. in Folge) unser!!!!! Paradoxerweise waren wir vor der Langkür so angespannt und nervös, dass wir dieses Mal leider nicht unsere absolut beste Leistung abrufen konnten. Das ist für uns echt extrem ärgerlich, denn eigentlich hätten wir hier zum 1. Mal überhaupt total entspannt und locker auftreten können. Nee, klappt aber nicht-was eigentlich auch gut ist. Denn das zeigt, dass wir- egal wie viel Konkurrenz wir haben- immer Topleistungen zeigen wollen. Wenn irgendwann einmal dieses Kribbeln und die Anspannung vor einem Wettkampf nicht mehr da ist, dann wird es Zeit, aufzuhören. Aber da kommen wir wohl nie hin. Heute hat es erstmals in der Synchronität etwas gehakt. 29 Jahre gemeinsam Duett schwimmen reicht eben nicht…also machen wir weiter, denn nach der WM ist vor der EM (die findet im Mai 2016 in London statt) und dann haben wir heute Abend auch schon Infos und Goodies vom Austragungsort der 17. Masters-WM 2017 in Budapest erhalten. Groß ausruhen auf den Lorbeeren ist also nicht. Trotz allem war die Siegerehrung wieder einmal sehr ergreifend. Zuerst konnten wir den WM – Titel der Belgierinnen in ihrer AK bejubeln. Oh Mann, das ging echt unter die Haut. Denn das ist der Triumph über den Krebs und wir hatten alle Tränen in den Augen, als uns bewusst wurde, was diese Frau für sich da heute geleistet hat! DAS sind die Gründe, warum man Master ist und vor allem sich immer wieder auf's neue beweisen muss oder möchte, dass man es noch drauf hat!!!

Naja und bei unserer Siegerehrung war die Halle am Toben. Wir scheinen viele Fans zu haben und viele (auch von den Wertungsrichtern und FINA officials) kennen und begleiten uns schon sooo lange, dass sie wissen, was es für uns an Kraft und Überwindung bedeutet, immer wieder dort oben anzukommen. Und jedesmal wird die Freude, es geschafft zu haben, tatsächlich ein weiteres Mal teilnehmen zu können und auf dem Podest zu stehen, noch ein bisschen grösser. Und es macht uns sehr stolz, zu sehen, dass uns das von allen Seiten auch so neidlos gegönnt wird.

So, jetzt aber genug mit Pathetik und Ernst. Nun haben wir uns noch einige Zeit mit dieser wunderschönen Stadt und den stets freundlichen Menschen verdient und hoffen, in den nächsten Tagen noch viele tolle Eindrücke zu erhaschen.

Aber keine Angst. Natürlich werden wir in den nächsten Tagen auch hiervon ausführlich berichten und viele Fotos machen. Wie wir uns kennen, erleben wir bestimmt auch hier einige Kuriositäten, die wir Euch nicht vorenthalten wollen!

Freitag, 07.08.2015

The day after…

Heute war Tag 1 als neuer Weltmeister. Als allererstes haben wir mal eine Tour „Kazan bei Nacht“ für Samstag Abend gebucht. Diese Tour wurde uns von einer USA Schwimmerin empfohlen. Dann wollten wir für unsere heutige Sightseeing Tour auf eigene Faust ein paar Rubel tauschen, was natürlich auch problemlos im Athletendorf geht. Also, wir sind ja schon viel herum gekommen und haben schon an allen möglichen und unmöglichen Plätzen der Erde Geld getauscht, aber noch nie zu solch fairen Bedingungen, wie hier: den amtlichen Mittelkurs von heute 68,85 Rubel für einen Euro und Null Komma Null Wechselgebühren!!!! In der Wechselstube dann die ersten Masterwasserballer aus Deutschland getroffen aus Canstadt, aha, die wohnen also auch hier. Dann zum Frühstück, da saßen schon die Belgischen Synchronis, noch etwas verkatert von ihrer gestrigen Siegesfeier ( Huch, WIR haben gar nicht groß gefeiert gestern?! Macht nix, holen wir zuhause nach!!!), die uns dann zu sich an den Tisch einluden. Da sind wir dann auch nett kleben geblieben, vertieft in tollen Gesprächen. Natürlich das Ganze auf Englisch. Kommt ein netter, älterer Herr an unseren Tisch, will wissen, woher aus England wir denn kommen, leichtes Gelächter bei uns. Als wir erklären, dass wir aus Deutschland und Belgien sind stellt sich der Herr als Engländer Vincent Miller vor, Masterschwimmer, der aber für Spanien schwimmt…. Wieder Gelächter, ist eben alles sehr gemischt hier. Herr Miller hat uns dann die nächste halbe Stunde „aufgehalten“ mit tollen Anekdoten und Geschichten aus seinen nun über 60 Jahren Schwimmerfahrung, denn dieser kautzige Herr ist über 80 Jahre und derzeit Open-Water-Schwimmer ( er wechselt schon mal gerne seine Sportart oder Vorlieben…). Eigentlich wollte er längst beim Training sein, aber das Wasser sei ihm mit 19 Grad zu kalt. Er konnte dann auch sehr gut Deutsch und kramte alle seine Kenntnisse raus. Wow, er war mal oberster IBM-CHEF in Sindelfingen! Wir hätten ewig zuhören können, aber wir wollten dann doch noch was von Kazan sehen. Also ab in unseren Elektrotrolli und nächstes interessante Gespräch mit russischen Offiziellen Leistungssport. Der nette Russe sprach uns an, weil wir ja unverkennbar Masters sind und meinte, wir Masters würden soooooo viel positive Energie ins Athletendorf bringen und er sei ganz traurig, dass er nun abreisen müsse. Schönes Kompliment, tat uns gut, ist genau, was wir so leben und das kommt auch bei den knallharten Leistungssportfunktionären an! Dann ab in die Metro Richtung Kreml. JAAA, auch Kazan hat einen Kreml. Beim Herabsteigen zur Metro ist uns dann wieder mal aufgefallen, dass nicht eine Stufe bei Treppen gleich hoch ist, wie die andere. Kein Normmaß, sondern alle anders, was regelmäßiges Stolpern zur Folge hat. Dafür aber, egal wo man ist, alles tip top sauber, echt der Hammer! Und immer wieder freundliche, hilfsbereite Leute, denn unser Kyrillisch und Russisch verbessert sich sehr (dank eines täglichen Onlinekurses), aber manchmal verstehen wir eben noch nicht alle Schilder. Das liegt daran, dass eben manche nicht auf Kyrillisch, sondern auf Tartastan geschrieben sind?! Den Kreml haben wir auf jeden Fall gefunden und da dann natürlich auch die Moschee Kul Sharif. Da muss man dann Beine und Kopf als Frau bedecken, weil ist ja eine Moschee. Wir natürlich voll präpariert mit Deutschlandtuch für den Kopf….. hatten nur vergessen, dass wir Shorts anhatten?! Kein Problem, Schürzchen um und hinein, siehe Foto. Wir finden, so kann man auch Karriere machen.

Als wir den Kreml verlassen wollten, wen treffen wir???? Ja, genau, Anne Kreisel Masterschwimmerin aus unserer Heimat, die wir nun schon über 30 Jahre kennen und bei JEDER Master WM – egal wo auf der Welt- immer irgendwo treffen!!! Dabei gesellten sich dann weitere nette Freiwasser- Schwimmerinnen dazu und schwupp, war die nächste Stunde weg… Immerhin haben wir dann noch die Peter und Paul Kathedrale und die Einkaufstraße erkundet, bevor wir dann wieder ganz abenteuerlich den Rückweg ins Athletendorf antraten. Für den Rückweg haben wir den Bus gewählt und -na klar- auch da wieder jemanden getroffen, der im Athletendorf arbeitet und uns viele Zusatzinformationen rund um die Organisation gab! Das erzählen wir aber morgen, denn jetzt haben wir noch Wäsche zu erledigen! Immerhin steht hier eine Miele Waschmaschine zur kostenlosen Nutzung und das muss ja auch ausgenutzt werden, gelle?

Samstag, 08.08.2015. 9:30Uhr

Bei aller Begeisterung und Freude über alles gibt es natürlich hier auch Dinge, die nicht sooo prächtig sind. Alle, die uns kennen, wundern sich ja wahrscheinlich schon, dass wir nix zu meckern haben. Also wollen wir Euch nicht enttäuschen und schreiben mal über das Badezimmer. Dieses ist innen liegend, ohne Fenster und ziemlich klein. Leider gibt es auch weder Lüftung noch sonst etwas, was die Feuchtigkeit vertreiben würde, so dass ein Hoteltester hier wahrscheinlich seine wahre Freude hätte…dafür, dass die ganze Anlage erst 2 Jahre alt ist, sieht es schon ziemlich verkommen aus. Aber auch hier leben wir unseren Forschersinn voll aus! Wo sonst kann man das tägliche Wachstum von Silberfischen so intensiv und hautnah beobachten, wie hier. Wenn das so weitergeht, kommt uns nächste Woche ein Silber-Wal im Bad entgegen. Die Dinger sind außerdem echt mächtig schnell. Deshalb machen wir einen Wettkampf, wer mehr Silberfische erwischt. Natürlich ist auch die Sicherheit im Bad gewährleistet. Jedes Zimmer hat einen eigenen Schlauch, wenn' s mal brennen sollte. Der ist praktischerweise an die Wasserleitung für die Toilette und die Dusche angeschlossen. Heißt das, wenn es brennt, sollte man möglichst nicht gerade unter der Dusche stehen, oder auf Klo sitzen, damit im Schlauch auch Wasser ankommt? Nein, das wollen wir dann doch besser nicht ausprobieren.

23:30 Uhr

Der kulturelle Part…

Da man ja auch von jeder Reise etwas mitnehmen soll und Reisen bekanntlich ja bildet, haben wir heute die Tour „Kazan by night“ gebucht. Mit unserer mittlerweile eingefleischten Truppe aus englischen und belgischen Masters-Synchros und uns ging es um 20:30 Uhr mit dem Bus los. Also, ich war schon nach kurzer Zeit raus aus der Nummer. Denn mir schwirrte schon bald der Kopf von Peter the great, Ivan the horrible, dann kam noch Erich Honecker ins Spiel, Karl Marx durfte auch nicht fehlen und eine famous Icon of mother god, die aber gestohlen wurde. Und das alles natürlich auf Englisch, wobei mich die Dame, die diese Tour begleitete, in ihren Ausführungen doch stark an den Comedian Johan König erinnerte, was die Sache mit dem Verständnis nicht wirklich besser machte. Zwischendrin gab es noch diverse Infos über Moscheen, die tatarische Lebensweise sowie den Kampf zwischen Moskau und Kazan, welche Stadt denn nun älter ist oder sein darf. Ich glaube, Kazan hat dann diesen Kampf gewonnen, denn 2005 wurde das 1000-jährige Bestehen der Stadt gefeiert. Aber für geschichtliche Dinge ist sowieso Silke zuständig, denn jede Kirche und jede Moschee wird von ihr normalerweise intensiv schon vorher studiert. Also gebe ich gleich an sie weiter. Auf jeden Fall war es so interessant, dass eine der Belgierinnen am Ende der Tour tief und fest geschlafen hat. Fairerweise muss man sagen, dass sie gestern nochmal ausgiebigst ihren WM Titel gefeiert haben…mit intensivem Wodka Genuss. Wir nehmen von dieser Tour auf jeden Fall mit, dass es durchaus möglich ist, als Islamer und Christen friedlich neben- und miteinander zu leben. Die meisten Kazaner sind Moslems und anders als z.B. in Moskau gibt es hier unzählige Moscheen, aber auch viele katholische und protestantische Kirchen. Denn viele junge Menschen- in Kazan studieren 80000 Studenten in 16 Fakultäten an 64 Hochschulen und Universitäten- bringen eine andere Glaubensrichtung mit. Das funktioniert trotzdem…!!! Und wieder mal haben wir festgestellt, wie blitzsauber es überall in der Stadt ist.

Also noch was zur Historie Kazans? Ok, dann berichte ich über das geschichtsträchtigste Ereignis der Stadt: Ich habe den Friseur des Athletendorfes besucht! Nach 5 Monaten Haare züchten und ständigen Bad-Hair-Days dachte ich, man muss mindestens einmal im Leben in Russland die Haare schneiden. Nach einer Stunde und 40 Minuten hingebungsvollem Waschen, Massieren, Schneiden (die hat wohl jedes Haar einzeln geschnitten…), Föhnen und Stylen habe ich dann ganze 650 Rubel bezahlt. Das sind nicht mal 10 Euro!!! Natürlich gab es wieder einmal eines der interessanten Gespräche, die diese Reise ausmacht. So haben wir erfahren, dass ein Student hier im Dorf 360 Rubel pro Monat für die Unterkunft bezahlt, so viel wie eine Pizza?! Dafür liegen die Studiengebühren bei 60 000 bis 120 000 Rubel, je nach Fakultät. Hier heiratet man sehr früh mit 19/20, aber 9 von 10 Ehen werden schon nach einem Jahr geschieden?! Und wir wurden gefragt, ob es stimmt, dass die Deutschen nichts mehr für ihre Kinder zahlen, sobald sie 18 sind??!! Nach unzähligen Erinnerungsfotos dann wieder Elektrotrolli nehmen und zur Lounge. Wir fahren mit dem frisch gebackenem Bronzemedaillengewinner Elitesport über 100 Freistil… Leider war die Massage stark frequentiert und so reihten wir uns in die Schlange ein. Wartezeit wird hier mit interessanten Gesprächen verbracht, dieses Mal mit einer Schwimmerin aus Ruanda. Sie war ganz verblüfft, dass Angela Merkel tatsächlich unsere Kanzlerin ist. Wir waren ganz verblüfft, dass diese Schwimmerin perfekt Englisch sprach, alle Kinder in Ruanda zur Schule gehen müssen und die deutsche Geschichte sehr präsent in Ruanda ist. So passiert es eben immer wieder, dass wir hier immer wieder viele gegenseitige Vorurteile ausräumen können und dazu beitragen, dass ein besseres Verständnis und Miteinander entsteht. So manche neue Freundschaft wird hier geschlossen und wir Sportler verstehen nicht, warum es hier so einfach ist mit dem Weltfrieden?!

Und dann hatten wir ja die ganz tolle Idee, original Russischen Sekt zu kaufen, um zu Hause damit auf unser Gold anzustossen…. Alles lief perfekt, bis wir versuchten durch die Securitykontrolle am Athletendorf zu kommen. Da wir wissen, dass Alkohol hier verboten ist, haben wir vorab natürlich typisch deutsch eben gefragt, ob jemand für uns den Sekt bis zu unserer Abfahrt deponieren kann. Rosalina, unsere nette Hausdame vom Haus Nr. 7 bot sich hierfür an. Der Sicherheitsbeamte hat dann also Rosalina angerufen, die auch prompt kam. Nur wir hatten alle die Rechnung ohne die superkorrekten Polizisten gemacht: Wir wurden belehrt, das Dorf sei ein Ort der Gesundheit und des Friedens und keinerlei Alkohol, Zigaretten oder Drogen erlaubt. Nun wollten wir den Sekt nicht aufgeben und ein wildes Telefonieren begann. Rosalina zog mit uns ein Zelt der Sicherheitskontrolle weiter, aber auch da kein Reinkommen. Mittlerweile goss es in Strömen… so wurden wir dann immer weiter geschickt, bis wir dann patschnass nach 3 km um das gesamte Athletendorf ausßen herum und eine Stunde später den Haupteingang erreichten, die Sektflaschen gegen eine Nummer tauschten und die Flaschen in einem Extrazelt unterstellen konnten. Bei der Abreise können wir dann die Nummer wieder gegen Sekt tauschen…. hoffen wir zumindest!!!

Montag, 10.08.2015

Sitzen gerade in Moskau im airport und stellen erschreckt fest,dass der ganze schöne Bericht von gestern fehlt. Da hat uns die Technik am Ende doch noch besiegt. Aber keine Panik! Wir holen das nach, wenn wir (hoffentlich) gesund und munter in Düsseldorf gelandet sind! Denn natürlich haben wir noch so einiges am letzten Tag und auch heute während der Rückreise erlebt!!!

Sonntag, 09.08.2015

Der letzte Tag

Unser Breakfast-Club (GBR, BEL, GER)

Heute ist der letzte Tag und wir hatten sooo viel zum abarbeiten. Deshalb sind wir extra früh zu Frühstück gegangen. Haben aber die Rechnung ohne unseren breakfast-Club gemacht, der schon auf uns gewartet hat. Beim letzten ausgiebigen Frühstück wurde dann noch über „fake-breasts“ diskutiert, eine Unterschenkel-Prothese von Sophie wurde ganz locker herumgereicht -da sind sogar die Zehennägel lackiert und auch da müssen regelmäßig die Füße gewaschen werden!- und natürlich alle Kontaktdaten ausgetauscht. Viel später, als gedacht haben wir uns dann aufgemacht.

Zeit hin oder her, Silke bestand auf der täglichen Dosis Kultur. Und so haben wir uns auch bei Tageslicht dann die alten tatarischen Häuser angeschaut (die 17 Kirchen und 5 Museen konnte ich ihr einsegen aber ausreden). Anschließend mussten wir nun dringend das Problem mit unserem Anhänger klären. Wir tragen ein Goldkettchen, wo wir uns für jede WM-Medaille mit einem landestypischen Anhänger „belohnen". Nur gab es hier nirgendwo das, was wir uns vorgestellt haben. Denn typisch tartarisch ist die Ikone oder die Moschee. Wir wollten aber den Kazan-Drachen oder eine Matrioschka. Dank unseres Erfindungsreichtums haben wir doch noch was passendes gefunden, was nun noch umgearbeitet werden muss. Der nächste Punkt auf unserer Liste war Taxi fahren. Denn das ist das einzige Fortbewegungsmittel, was wir noch nicht versucht hatten. Dumm nur, dass wir dem Taxifahrer erklären mussten, wo denn die Kazan-Arena (immerhin normalerweise das Fußballstadium von Kazan) ist. Ich muss nicht extra erwähnen, dass dieser Fahrer weder englisch noch deutsch sprach und wir bei leider Lektion 3 in unserem online Russischkurs stecken geblieben sind…aber Hand und Fuß tun`s ja auch. So ging es dann rasant los…voll in die falsche Richtung. Interessanterweise sind wir doch noch angekommen und mussten sogar weniger als die obligatorischen 300 Rubel bezahlen, die irgendwie jeder, egal für welche Strecke, zahlen musste (laut offiziellem Taxameter!!). In der Arena haben wir dann nicht nur von der WM 2019 in Gwangzu (Südkorea) Infos und Goodies erhalten, wir haben sogar eine der Hauptorganisatorinnen der WM kennengelernt, die uns nach einem ausgiebigen Gespräch sogar gebeten hat, ihr unsere Wünsche und Anregungen für Unterkunft, Essen…zu schicken. Wieder im Athletendorf mussten dann noch Henna-Tattoo, Handmassage mit Paraffinbad, die letzten Runden auf dem Rüttelstuhl und unzählige Fotos mit den Volunteers bewältigt werden, bevor wir endlich packen mussten. Kurz vor Toreschluss um 21:30 fiel uns ein, dass wir noch Souveniers brauchten. Also schnell zum Souveniershop?? Nein, das klappt mit uns natürlich nicht. Denn im Shop haben wir „Frischlinge“ aus Deutschland getroffen, die wir dann aufgeklärt haben, wo es was am besten gibt. Während des Gesprächs kam raus, dass eine der Mädels aus Krefeld stammt und eine Mannschaftkameradin vom Sohn unseres Schatzmeisters ist (@Christian B.: viele Grüße von Anett Lächeln . Nachdem wir uns endlich losgerissen haben, sprach uns auf dem Weg ein älterer Herr an, weil wir in unserem gestreiften Deutschland-T-Shirt immer ziemlich auffielen. Also stehenbleiben, quatschen…Herrmann Alphonsius (wir durften ihn Hermi nennen) kommt aus Holland, wohnt jetzt in Kevelaer am Niederrrhein und spielt in Kazan aber im Herren Wasserball Team aus Cannstatt (liegt bei Stuttgart). Schnell kamen seine Mannschaftskamerad hinzu, die lustigerweise in Zwickau und Bochum wohnen und wir fachsimpelten ewig über verschiedene Techniken des Wassertretens. Auch das ist der Masters-Gedanke: einer träumt von einer WM Teilnahme und setzt alles in Bewegung, um ein Team zu formen. Eine Schande, dass wir schon nach hause müssen, denn mit dieser lustigen Truppe gäbe es bestimmt viel Spaß! Um 1:30 Uhr waren dann endlich alle Koffer gepackt und wir hatten immerhin noch komfortable 4 1/2 Stunden Zeit, bis der Wecker klingelte.

Montag, 10.08.2015 22:00 Uhr

Home sweet home…

Die Verabschiedung von unserer Hauslady Rozalina war sehr tränenreich auf beiden Seiten. Das zeigt uns, wie nah wir beiden bekloppten Deutschen auch ihr ans Herz gewachsen sind, waren wir doch die 1. Bewohner in „ihrem“ Haus. Und dann kam der spannende Augenblick: Sekt oder nicht Sekt???

Jaaaa…wir haben tatsächlich den „russki champanskaja“ heile nach hause gebracht. Ein freundlicher volunteer ist für uns vor der Abfahrt zum Haupteingang gerannt und kam echt mit der Tüte wieder. Das brachte uns dann aber zu nächsten Problem. Siedend heiß fiel uns ein, dass wir ja keine flüssigen Dinge im Handgepäck mitführen dürfen. Na super, also Koffer auf, die Flasche irgendwie darein stopfen und beten, dass nix kaputt geht. Der Flug nach Moskau war dann komplett in Schwimmerhand. Denn es war Abreisetag für alle Mannschaften der „normalen“ WM. So flogen wir ein letztes Mal mit Gleichgesinnten aus den verschiedensten Ländern, incl. Presseleuten von ARD und ZDF, die tatsächlich wussten, das 2 deutsche (!!!) Synchros Masters-Weltmeister geworden sind. Solche Platzierungen sind in dieser Sportart normalerweise für Deutsche undenkbar…In diesem Zusammenhang sei bemerkt, dass leider auch bei dieser WM niemand von offizieller DSV-Masters-Seite den Weg zu unserem Training oder Wettkampf gefunden hat, obwohl auch schon in der 1. Woche ein Ansprechpartner vor Ort gewesen sein soll. Kazan ist doch grösser, als wir dachten…

In Moskau, während weiterer Sicherheitschecks, haben wir dafür (wohl auch zum letzten Mal) wieder mal erlebt, welchen Stellenwert der Sport in Russland hat. Beim scannen der Rucksäcke wurden wir von einer sehr böse schauenden Zollbeamtin schroff aufgefordert, die Taschen zu öffnen, weil sie etwas undefinierbares entdeckt hatte. Als sich das dann als unsere Medaillen entpuppte, entschuldigte sie sich wortreich, strahlte uns an und applaudierte uns sogar. Wie schön wäre es, nur einen Bruchteil dieser Wertschätzung für sportliche Leistungen auch in Deutschland zu erfahren…

Nach einem für unsere Verhältnisse unspektakulären Flug von Moskau nach Düsseldorf hatte uns dann good old Germany wieder.

Dienstag, 11.08.2015

Nachlese (von Birte)

Die Koffer sind ausgepackt, Medaillen hängen und der Alltag ist zurück. Es ist schon irgendwie komisch, nach so tollen Erlebnissen und vielfältigen Eindrücken schnell um zu Switchen und überlegen zu müssen, was man der Familie denn heute kochen soll und ob alles für den Schulbeginn klar ist…Aber so ist es nun mal.

Was nehmen wir also mit aus Kazan/ Tartastan/ Russland?

Natürlich unsere Medaillen, die uns keiner mehr nehmen kann. Aber vor allem viele neue Freundschaften; die Erkenntnis, dass man auch mal mit dem zufrieden sein sollte, was man hat, weil es immer Menschen gibt, denen es (sei es physisch oder materiell) schlechter geht; die beste Wettkampforganisation ever; das Erlebnis, in einem Athletendorf einfach ganz normal einer unter anderen Sportlern zu sein und noch 1000 andere Dinge, die wir wohl erst im Laufe der nächsten Wochen und Monate verarbeiten. So schwer, wie dieser Abschied uns gefallen ist, war es nirgendwo anders in unserer langen Karriere.

Ich möchte diese Plattform abschließend einmal nutzen, um auch im Namen von Silke ein dickes „DANKESCHÖN“ zu sagen. Bei Oscarverleihungen findet man das immer blöd, aber es gibt tatsächlich verschiedene wichtige Menschen, die diese tollen Erlebnisse für uns erst möglich gemacht haben und denen man das so nicht unbedingt sagen würde (oder die das gar nicht hören wollen).

GANZ, GANZ, GANZ oben steht unsere Mutter und Trainerin Ingeborg Hohlstein, die die längste Zeit unserer (fast bzw. über) 40-jährigen Sportlaufbahn immer unser Motor und Begleiter war. Trotz aller Tiefschläge hat sie es immer verstanden, uns wieder aufzurichten und nur durch ihre Art, uns zu motivieren und vorzubereiten, sind wir auch nach 40 Jahren, 10 Masters-WM Teilnahmen und mittlerweile unzähligen Medaillen immer noch heiß auf die nächste sportliche Herausforderung und haben noch lange nicht genug von der schönen Sportart Synchronschwimmen.

Danke auch unseren Kindern Kira, Leonie, Nico, Olli und Luzie, die uns (meist mehr oder weniger freiwillig) morgens und abends zum Training begleitet haben, um das Training zu filmen.

Ein dickes Danke an unsere Ehemänner Uwe und Volker, die uns die Möglichkeit und Freiheit geben, einfach mal 10 Tage der Familie den Rücken zu kehren, um durch die Welt zu fahren.

Danke an unsere Vereinsleitung vom SV Willich, von der wir jede Unterstützung bekommen, die möglich ist.

In der Aufzählung fehlen dürfen auch nicht Frau Küppers und das Team von „de Bütt": Danke von den „Hupfdohlen“ für Eure Hilfe.

Zuletzt von uns beiden ein MEEEEEGA fettes Dankeschön an den weltbesten Medienwart, den ein Verein haben kann: Patrick Paas (Patrick, wehe du löschst das…!!!). Wir als absolute Internet-, Blogger- und Technik-Legastheniker wären ohne Deine Wahnsinnsgeduld mit uns und Deine ständige Erreichbarkeit für uns aus Kazan total aufgeschmissen und es hätte diese Möglichkeit, quasi live zu berichten niemals gegeben. Die Reaktionen von allen Seiten zeigen, dass es wohl ganz gut angekommen ist.

Aber nun kommt das allerletzte „Danke“ nur von mir:

DANKE Silke, dass Du es schon so lange mit mir aushältst, das alles so lange mit mir gemeinsam machst, wir uns gegenseitig immer wieder hochziehen und in den Allerwertesten treten, wenn es mit der Motivation mal hakt. Du bist der allerbeste Duettpartner auf der ganzen Welt!!! Auf mindestens die nächsten 10 WM-Teilnahmen…

Wir freuen uns nun schon auf die nächsten Herausforderungen. Euch, „unseren treuen Lesern“ versprechen wir weitere Berichte in den kommenden Jahren. Denn wie Ihr merken konnten: normal läuft bei uns selten was.

Wer uns nun gerne unterstützen möchte, damit wir z.B. auch wirklich die Möglichkeit haben, in Südkorea teilzunehmen, kann das sehr gerne tun. Denn trotz aller Hilfe bleibt ein großer finanzieller Teil an uns hängen. Wir freuen uns über jede Hilfe und sind zu (fast) allen Schandtaten bereit!

Tschüss bis zum nächsten Mal.

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    21. Mär. bis 22.03., Ort: Piscine Neptunium, Brüssel
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    26. Sep., Ausrichter: SV Rhein-Wupper , Ort: Klingenhalle, Solingen